Samstag, 31. Mai 2008

Feminismus?

Feminismus -- ein stark polarisierender Begriff. In seinem Namen wurde schon viel Gutes aber auch viel Schlechtes bewerkstelligt.
"Offiziell" (in den Massen-Medien) hat "der Feminismus" keinen guten Ruf -- zu uncool, überholt, lustfeindlich, nicht mehr aktuell...
Ich seh das Ganze natürlich ein bisschen anders, bzw. etwas differenzierter.


Wider Opferfeminismus & uneingeschränkter Geschlechtersolidarität

Zuvorderst sollte angemerkt werden, dass es "den" Feminismus überhaupt nicht gibt.
Es gibt ohne Ende Unter- und Splittergruppen -- mit zum Teil sehr gegensätzlichen Ansichten -- ganz zu schweigen vom jeweiligen individuellen Verständnis der einzelnen Feministnnen.

Eine dieser Strömungen, die ich überhaupt nicht befürworten kann, ist der Opfer-Feminismus (das ist aber keine offizielle Selbstbezeichnung ). Er baut u.A. auf die, von mir ebenfalls abgelehnte, annähernd uneingeschränkte Geschlechtersolidarität.
Frau = Opfer, Mann = Täter
In dieser Richtung ist, was auch passiert, die Frau das Opfer und meistens der Mann der Täter.
Drastisches Beispiel:
Wenn ein Mann seine Frau umbringt, ist das nur ein weiterer Beweis für den dem männlichen Geschlecht immanenten Hang zur Gewalttätigkeit und Demonstration patriarchaler Machtgier.
Wenn eine Frau ihr Kind umbringt, ist sie das Opfer der Überforderung durch die Mutterrolle, die ihr von Gesellschaft aufgezwungen wird.
Diese Einstellung -- Rechtfertigung/Relativierung bei Täterinnen, Verteufelung bei Tätern -- also die "automatische", vorbehaltlose Solidarisierung mit einer Person aufgrund ihres weiblichen Geschlechts ist sexistisch und somit nicht i. O. .
Scheiße ist natürlich auch, dass solche Strömungen vermutlich mitverantwortlich sind für die negative Besetzung der ganzen Bewegung.

Opferfeminismus sabotiert die Frauenbewegung, weil er paradoxerweise die patriarchalen Geschlechterrollenklischees (Frau = ausgeliefertes Opfer, Mann = Aggressor) und mit ihnen bestehende Machtstrukturen bestätigt, übernimmt und bestärkt.


Kompensationsfeminismus & Respectismus


Kompensationsfeminismus
Ich sehe meine Ansichten als kompensations-feministisch.
Damit meine ich, dass ich mich nur für die Beseitigung der in der sozialen Realität existenten Ungerechtigkeiten einsetze und (natürlich) nicht der Ansicht bin, dass Frauen irgendwie mehr Rechte haben sollten, weil sie in irgendeiner Form besser oder mehr Wert wären als Männer.
Im Gegenteil, ich sehe, dass Männer im gegenwärtigen (patriarchalen, kapitalistischen) System auch diskriminiert werden (was ich genauso scheiße finde), weswegen für mich persönlich der Begriff "Feminismus" irgendwie zu einseitig ist. (Deswegen sehe ich mich mittlerweile mehr dem Queer-Lager verbunden, als dem feministischen.)
Trotzdem ist es aber so, dass Frauen im Patriarchat besonders sozial, machttechnisch und finanziell gegenüber Männern deutlich benachteiligt sind (welche widerum eher auf emotionaler Ebene beschnitten werden und auf dem Verantwortungssektor oftmals die A*karte gezogen haben), was natürlich nicht klar geht.



Konstruktiver Feminismus
Ich finde Feminismus aber nicht nur sinnvoll, sondern absolut erforderlich, in der Form, dass er Frauen und Mädchen die Möglichkeit gibt, bzw. sie darin bestärkt, alle Defizite, Diskriminierungen und Benachteiligungen, die durch das Leben im Patriarchat entstehen (z.B. auf religiöser, medialer, sexueller und sprachlicher Ebene) bewusst zu machen und nach Kräften zu kompensieren und zu bekämpfen sowie alternative Lebensmodelle und Rollenverständnisse zu entwickeln.

Dabei geht es (zumindest mir) aber übrigens nicht darum, dass Frauen/Mädchen dann alles, was entfernt dem gesellschafltichen weiblichen Rollenbild entsprechen könnte, über Board werfen und verteufeln sollen. Es geht nicht darum, dass alle Frauen und Mädchen unrasiert in Schlabberklamotten und Ökolatschen rumlaufen sollen. Es geht um die Freiheit zu wählen – und nicht vom einen (alten) Rollenzwang in den nächsten (neuen) zu fallen.
Ein Mädchen, bzw. eine Frau soll sich schminken und sexy anziehen und die Haare machen und auf Jungs stehen, wenn das ihrem Wunsch entspricht – das ist aber nur genau dann unproblematisch, wenn es ihr genauso frei steht, sich die Haare kurz zu rasieren oder 20kg Fett oder Muskeln zuzunehmen, auf Frauen oder auf gar niemanden zu stehen oder Körperbehaarung zu kultivieren oder rumzumackern – ohne dafür schräg angeguckt oder angemacht zu werden oder dass über sie die Nase gerümpft wird.

Für Männer und Jungs gilt das Gleiche: das Recht, mit Muskelbergen und Gockel-Attitude rumzulaufen (solang man damit niemanden belästigt oder bedroht, versteht sich), aber gleichzeitig genauso die Möglichkeit, schluri oder sensibel oder unsexuell sein usw. usf. ohne dafür in irgendeiner Form gemobbt zu werden.

Ich krieg es oft mit, wie sich Mädchen – z.B. wenn sie irgendwas an Mackerverhaltem kritisieren -- sich vorsorglich sofort von einem möglichen "Feminimus/Emanzen-Verdacht" distanzieren "Ich bin keine Feministin [gottbewahre!!], aber...". Was soll das? Als ob "feministisch sein" irgendwas bedrohliches oder anrüchiges wäre wie "Nicht dass Du denkst, ich wäre rassistisch! [Aber...]". Ts!

Dabei sollten alle Frauen, die wählen gehen, berufstätig sind, eine Abtreibung vornehmen lassen mussten, mit einem Mann verheiratet, aber nicht (juristisch) dessen Eigentum sind, ihr Recht auf sexuelle Befriedigung einfordern, studieren, offen lesbisch sind, sich anziehen, wie sie wollen, in der Politik tätig sind, usw. usf. dankbar für die letzten beiden Frauenbewegungen sein und sich zweimal überlegen, ob sie sich abfällig über Feminismus äußern.

Summa summarum heißt das quasi, dass ich nur bis zur (hypothetischen) 100%igen Gleichstellung von Frauen und Mädchen auf allen Ebenen (u.A.) feministisch eingestellt bin.


Respekt! (that's what it's all about)
Insgesamt sehe ich mich aber eher als Respectistin denn als Feministin, da ich diese Sache mit der Abwertung und Ausgrenzung aufgrund angeborener Tatsachen halt unter einem globaleren Blickwinkel sehe, weil es alles auf Respekt (bzw. dem Mangel) vor dem Leben und seinen Lebensformen rausläuft.
Denn wenn mich jemand fragt "Bist Du Feministin?", müsste ich umständlicherweise sagen "Ja, aber ich bin auch Anti-Rassistin, Veganerin, Anti-Sexistin, Mensch, Anti-Faschistin, MC a.D., Anti-Hetero-Sexistin, usw." (diese ganzen "Anti"-Begriffe find ich eh nicht besonders konstruktiv) -- weil der (kompensations-)feministische Aspekt eben nur einer von vielen in meiner (politischen und ethischen) Einstellung und Tätigkeiten ist und, für sich allein stehend, mir in meiner Gesamtheit einfach nicht gerecht wird.
Ich bin auch sowieso keine große Freundin von Etiketten und Schubladendenken.


Normal, oder was!
Sowieso finde ich es ganz normal, dass, wenn ich (oder jemand anderes) in irgendeiner Form diskriminiert werde, es nicht einfach so hinnehme. Wenn ich 'ne Afro-Deutsche wär, würde ich mich ja auch nicht Negristin oder so nennen, auch wenn ich mich gegen rassistische Diskriminierung einsetzen würde.
Wenn mich also jemand argwöhnisch fragt, ob ich auch "so eine [Emanze]" wäre, wäre die richtige Antwort "Ja, wenn eine Frau für Dich eine Emanze ist, wenn sie niemanden auf ihren Rechten und ihrer Würde herumtrampeln lässt."

Mittwoch, 28. März 2007

Was ist Sexismus?

Gleich vorneweg: Es scheint vielen nicht klar zu sein, aber "Sexismus" kommt nicht von dem deutschen Begriff "Sex(ualität)" sondern von englischen "Sex" = Geschlecht. Wenn ein Bild, ein Spruch, ein Videoclip o.ä. besonders sexlastig ist, ist sie also nicht "sexistisch" sondern "sexualisiert". Ein wichtiger Unterschied! (Natürlich kann eine sexualisierte Darstellung auch sexistisch sein, muss es aber nicht)

Um diesen viel und oftmals zu Unrecht benutzten Begriff näher einzugrenzen, versuche ich im Fogenden, die verschiedenen Ausprägungen von "Sexismus" näher zu beleuchten.
Es gibt nämlich ganz unterschiedliche Ausprägungen von Sexismus, aber jede Art geht von dem Grundgedanken aus, dass Männer und Frauen von Natur aus und von Geburt an grundlegend verschieden, bzw. unterschiedlich viel Wert sind.
Dass diese Einteilung von Menschen in "Frauen" und "Männer" (und nichts sonst) an sich schon eine Diskriminierung und eine Fehlinformation darstellt, werd ich an anderer Stelle nochmal näher ausführen.

Hier sind die verschiedene Formen von Sexismus, unterteilt in drei Kategorien, die sich natürlich überschneiden und ergänzen können:

I. Sexismus ersten Grades:

Die Ansicht, Aussage, oder die Darstellung, dass ein Geschlecht allgemein besser oder schlechter ist als das andere.
z.B.: "Alle Männer sind Schweine", "Frauen sind Schlampen", "Frauen sind dafür zu dumm", "Männer sind zum Ausnutzen da" oder auch Abbildungen, die ein Geschlecht in diskreditierender und abwertender oder lächerlichen Form illustriert.

II. Sexismus zweiten Grades:

Die Festlegung der Geschlechter auf jeweils unterschiedliche Rollen, auf bestimmte (meistens gegensätzliche) Eigenschaften oder Aufgaben, Pflichten und Funktionen.
z.B.: "Frauen sind das schöne, Männer das starke Geschlecht", "Ein Mann muss seine Familie ernähren", "Eine Frau sollte schlank/ gepflegt/ sexy sein", "Weinen ist unmännlich", "Frauen wollen dieses, Männer stehen auf jenes" usw.. In der Praxis stehen dafür z.B. die Pärchen bzw. Gegenstücke (starker, aggressiver) Footballspieler & (ausgelassenem, sexy aussehenden, den Mann toll dastehen lassenden) Cheerleader, Rapper & R'n'B-Chick, Breaker und Table-Dancerin, Pimp & Hoe, Rocker und Model-Freundin, Actionheld & zu rettende Ehefrau, Fotograf/Maler & Modell, etwas trotteliger, unreifer Comedy-Ehemann & vernünftige, die Zügel in der Hand haltende Comedy-Ehefrau usw. usf..
Es muss sich bei diesen Zuweisungen überhaupt nicht um negative Attribute handeln, es geht 1. um die unzulässige Verallgemeinerung und 2. um die Reduzierung und Beschneidung der Persönlichkeit und des Wesens von Frauen und Männern.
Diese Haltung wird gerne durch die als wissenschaftlich unumstößlicher Tatsache präsentierte Behauptung begründet, dass wir von unseren Anlagen her immernoch quasi Steinzeitmenschen sind oder genauer Mammut-Jäger und Samenstreuer vs. Muttertier und Höhlenhockerin und das also alles ganz "natürlich" und unausweichlich ist. Diese Begründungen bedienen zumeist aber nur populistische Thesen, blenden andere Faktoren oder mögliche Widersprüchlichkeiten aus oder tun sie als unbedeutend und marginal ab.
Diese Art von Sexismus ist wesentlich schwieriger zu entlarven, da er zunächst nicht offen abwertend oder destruktiv erscheint und im Mainstream als "normal" wahrgenommen wird, bzw. (mehr oder weniger bewusst) als sexy, bequem und Sicherheit vermittelnd.

III. Sexismus dritten Grades:

Die einseitige Darstellungen im gesamtgesellschaftlichen Kontext.
Diese Sache ist subtiler, weil es hier um Darstellungen geht, die isoliert für sich betrachtet nichts negatives an sich haben, aber in der Masse der Darstellung deutlich einseitig und klischeemäßig ist.
Beispiel: Brothers Keepers machen einen Rap-Track mit Gesangseinlagen gegen Rassismus, Zitat: "...denn was wir reichen sind geballte Fäuste und keine Hände...", Sisters Keepers machen einen Gesangs-Stück mit Rap-Einlagen "...wir können etwas ändern, mit Liebe und Verstand" --harte Jungs vs. sanfte Mädchen, nicht sehr progressiv.
Oder "Mit Dir" --Freundeskreis feat. Joy; es geht um das "Erste Mal" eines Pärchens; Joy singt: "Ich will nichts tun, was ich später mal bereun werd...", Max singt: "Ich will nichts tun, was Du später mal bereun wirst..." --Mann will Sex, Frau sträubt sich vorerst, gibt am Ende aber doch nach-- *ächz*stöhn*gähn*
Nicht dass wir uns falsch verstehen --ich mag alle drei oben genannten Stücke sehr gern! Ich hab auch weder etwas gegen sanfte Frauen, noch gegen wehrhafte oder stürmische Männer, noch gegen Frauen, die länger warten bis sie Sex haben!
Aber dass diese und andere Rollenbilder so ermüdend oft und penetrant wiederholt werden und gegensätzliche Darstellungen eher spärlich besäht sind, finde ich persönlich ziemlich zum Kotzen.
Zu drittgradigem Sexismus gehört auch die Diskriminierung durch Nicht-Darstellung. Es lohnt sich, mal drauf zu achten, wo im TV (ob Doku oder Fiktion) in verschiedensten Situationen z.B. weit und breit keine Frau zu sehen ist!
Oder umgekehrt die Tatsache, dass auf Werbeplakaten und -Anzeigen oder auch vielen Kunstwerken und zahllosen Männer- und Frauenmagazinen immer nur --zumeist leichtbekleidete oder nackte, aber auf jeden Fall junge, schlanke, 'hübsche'-- Frauen zu sehen sind.

Mein Wunsch ist nicht, dass alle Menschen zu einer Art geschlechtsneutralem drögen Einheitsbrei verschmelzen. Es soll gerne weiter mackerige Jungs und tussige bzw. sich als Objekt der Begierde exhibitionierende Mädchen geben –solang selbstverständlich genauso viele mackerige Mädelz und tussige bzw. Schönheits-Objekt geeignete Jungs am Start sind und alles, was sonst noch so dazwischen liegt!

Persönliche Wahrnehmung

Oft kann mensch auch Sexismus erkennen, indem er einfach auf sein Gefühl hört. Wenn ich irgendeine Darstellung oder einen Text oder sonstwas höre, sehe oder lese, durch die oder den ich mich in meiner Existenz als AngehörigeR meines Geschlechts angegriffen, diffamiert oder beleidigt fühle, kann ich diese Darstellung als potentiell sexistisch betrachten.
Beispiel: Wenn ich nachts die Telefonsex-Werbespots im Fernsehen sehe, fühl ich mich dadurch persönlich beleidigt --und zwar nicht in meinem Dasein als Veganerin, nicht in meiner Funktion als MC, nicht in meiner Existenz als Mensch, sondern --richtig: in meinem Dasein als Frau, das auf diesem Weg auf einen ekligen Entsafter für Männer reduziert wird.
Das gleiche gilt für einen Mann, der sich durch die Massen der drögen Action-Filme diskreditiert fühlt, da die Angehörigen seines Geschlechts und somit auch er als Mann in diesen durchweg als gewaltbereite, geile, sprücheklopfende Flachschädel hingestellt werden.
Das Ganze lässt sich übrigens auch 1:1 auf rassistische und heterosexistische Darstellungen und Ansichten übertragen.

Die Ursache dieses Unbehagens kann oft zunächst gar nicht benannt oder genau in Worte gefasst werden (besonders bei Kindern und Heranwachsenden so der Fall), aber das Gefühl ist normalerweise verlässlich.
Doch trotzdem ist kritische Selbstreflektion gefragt! Denn es kann auch leicht passieren, dass sich ein eigenes verdrängtes Negativ-Gefühl, z.B. Neid, Missgunst oder Eifersucht, unter der scheinbar politischen, ethischen oder sonstwie gearteten "gerechten" Ablehnung versteckt oder diese zumindest verstärkt!

Summa summarum: Alle Formen von Sexismus sind scheiße! Erstgradiger Sexismus ist natürlich drastischer als zweitgradiger oder drittgradiger, aber die Gefahr von letzteren besteht darin, dass sie gewissermaßen getarnt sind und viel unterschwelliger und somit eher auf das Unterbewusstsein wirken; sie lassen sich leichter verleugnen, da sie nicht so offensichtlich sind bzw. werden sie oft gar nicht als problematisch erkannt. Denn es gibt sicher viele Menschen, die sich in diesen vorgefassten Rollenbildern heimisch fühlen. Aber für die, die das nicht tun, sieht es schlecht aus –sie stehen vor der Wahl, sich entweder selbst zu verleugnen und soweit wie möglich nach außen hin anzupassen oder sich zu verstecken oder sie stehen zu sich, haben dann aber mit Repressionen zu rechnen, im schlimmsten Fall kann es sie ihr Leben kosten.
Deswegen müssen auch harmlos erscheinende Geschlechterklischees hinterfragt, demontiert, unterwandert und angegriffen werden. Stand straight QUEER!